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Bericht zur Orgelreise der Christuskirche Eislingen

Auf den Spuren oberschwäbischer „Königinnen“

07.9.2018 - Christuskirche

 

Wieder einmal begab sich eine 17köpfige Reisegruppe der Christuskirche Eislingen mit Orgelbegeisterten aus Eislingen und Umgebung in der zweiten Augusthälfte auf die Spuren der „Königinnen“ zunächst an den Rand des Linzgaues.
Erste Station war die kleine Ortschaft Wald, ein Kleinod an der Oberschwäbischen Barockstraße, wo wir freundlich von Ida Schulte empfangen wurden. Sie erklärte der Gruppe die schöne Barockkirche (St. Bernhard, ehemalige Zisterzienserinnen-Klosterkirche) mit ihrer reichhaltigen Stuck- und Gemäldeausstattung. Natürlich führte uns Ida Schulte als Organistin auch die wohlklingende einmanualige Orgel von Johann Georg Aichgasser (erbaut ca. 1750) vor. Übrigens ist dieses Instrument die einzig vollständig erhaltene Orgel von Aichgasser; das Gotteshaus mit seinem wertvollen Instrument gehört somit zu den kostbarsten Kunstdenkmälern von Hohenzollern.
Interessant war auch zu erfahren, dass im Kloster Wald ein Internat für Mädchen untergebracht ist, in dem parallel zum Abitur auch eine handwerkliche Ausbildung zur Holzbildhauerin, Maßschneiderin, Schreinerin/Tischlerin angeboten wird. Nach dem Abitur wird die Ausbildung in Theorie und Praxis ganztägig fortgeführt bis zum darauffolgenden Frühjahr. Die Gesellenprüfung wird anschließend in den eigenen Werkstätten von der zuständigen Handwerkskammer abgenommen.

Die nächste Etappe führte die Gruppe zur dreimanualigen, vor wenigen Jahren restaurierten Holzhey-Orgel (41 Register, von 1782-1784 erbaut) im Münster zu Obermarchtal. Das Motto dieser zweiten Führung lautete „Wenn der Himmel die Erde berührt“. Anfangs lauschten die Gruppenteilnehmer-/innen den interessanten Ausführungen des hiesigen Orgelkünstlers Gregor Simon zur geistigen und musikalischen Entwicklung des beeindruckenden Kirchenraums und der Haupt- und Chororgeln. Gregor Simon spielte danach mit höchster Könnerschaft für die Orgelliebhaber/-innen das dreiteilige Bach’sche Werk „Toccata, Adagio und Fuge“ (BWV 564) in C-Dur auf der großen Orgel, deren Restaurierung durch Orgelbau Johannes Rohlf im Jahre 2012 abgeschlossen wurde.

Das dritte Instrument befand sich in der Pfarrkirche St. Simon und Judas in Uttenweiler, eine besondere Kostbarkeit in der oberschwäbischen Kirchen- und Orgellandschaft, die nach einem kurzen Abstecher auf den „heiligen Berg“ Oberschwabens, den Bussen, erreicht wurde. Dort wurden wir von Ferdinand Kramer, einem ehemaligen Lehrer, herzlich willkommen geheißen und mit improvisierter Orgelmusik, dargeboten von Karl Pehl, begrüßt. Ferdinand Kramer schilderte mit großer Sachkenntnis kirchengeschichtliche und theologische Zusammenhänge. Insbesondere die Geschichte der seligen Uta (gestorben 722) brachte er uns sehr anschaulich nahe. Eine Grabplatte erinnert in der Kirche an sie.
Die Kirche beherbergt in einem barocken Orgelprospekt eine 1979 völlig erneuerte zweimanualige Orgel mit 22 Registern der Firma Späth, Freiburg-Hugstetten. Aufgelockert wurden die äußerst interessanten Ausführungen Ferdinand Kramers durch oft virtuose Orgelmusik, dargeboten von den Brüdern Karl und Peter Pehl. Sie brachten Werke von Jean Langlais, J. S. Bach (aus der Französischen Suite), Théodore Dubois, Dieterich Buxtehude (Präludium, Fuge und Ciacona BXWV 137) und Théodore Salomé (Marche Gothique).

Am zweiten Reisetag waren drei oberschwäbische Orte auf der Besuchsagenda der Orgelgruppe notiert: Bad Wurzach, Weingarten und Salem.
Zunächst steuerte man die Stadtpfarrkirche St. Verena in Bad Wurzach mit ihrer dreimanualigen Link-Orgel (opus 1086) mit 32 Registern, zuletzt 2004 restauriert, wie der junge Nachwuchsorganist Cosmas Mohr ausführte. Spielend führte Cosmas Mohr das Praeludium in a-moll (BWV 543) von J. S. Bach vor, sodann ein entzückendes Intermezzo-Stück von Franz Xaver Schnizer (geboren 1740 in Bad Wurzach, gestorben 1785 in Ottobeuren) mit wohlklingenden Flöten- und Streicherregistern. Es folgte das wohl bekannteste, sehr rhythmische Orgelwerk „Litanies“ (JA 119) vom französischen Neutöner des 20. Jahrhunderts Jehan Alain (1911-1940). Schließlich konnte man unter Anleitung von C. Mohr noch einzelne Register am Spieltisch ausprobieren, z.B. das „Prinzipal douce“, also ein zarteres Prinzipal-Register französischen Charakters.

Danach ging es zur nächsten Orgeletappe weiter zur Basilika Weingarten mit der klanglich wirklich einmaligen Orgel (mit ihren 6890 – der Sage nach 6666 Pfeifen, erbaut in den Jahren 1737 - 1750) von Joseph Gabler – der süddeutsche Orgelbaumeister der Barockzeit. Neben vielen anderen bemerkenswerten Details bestechen die Registerzüge aus Elfenbein durch ihre außerordentliche Schönheit. Schon im Vorfeld der eigentlichen „Führung“ durch Stephan Debeur (seit 2000 Organist an diesem wunderbaren Instrument) konnten die Orgelbegeisterten Musikstücke aus verschiedenen Epochen hören, z.B. „Les Canaries“ und „Passpied“ von Francois Couperin aus der Barockzeit oder die „Fanfare D-Dur“ von Nicolas J. Lemmens. Nach seinem musikgeschichtlichen Vortrag direkt bei der Gruppe spielte der Künstler sodann das gut bekannte Bach’sche „Präludium in C-Dur“, danach das „Adagio“ in D-Dur, auch von J. S. Bach, darin die berühmte Melodie mit dem weltberühmten „Vox humana“-Register.
Zuvor hatte uns Margarete Dannenmoser, eine Weingartener Autorin, Wissenswertes zur Geschichte der Heiligen Blutreliquie berichtet, die auf abenteuerliche Weise nach Weingarten gelangt und in der Basilika zu bewundern ist.

Nun führte uns der Weg weiter zum Münster nach Salem. Patrick Brugger begrüßte unsere Gruppe und trug Aufschlussreiches zur bewegten Geschichte des Gotteshauses vor. Man lese nach im Buch „Musik in Salem“ zur „Historie der Orgeln“, von denen lediglich der Prospekt der „Dreifaltigkeitsorgel“ aus Jahren 1769 bis 1771, übrig blieb. 1901 erbaute der Überlinger Orgelbauer Wilhelm Schwarz hinter diesem verbliebenen Barockprospekt eine große romantische Orgel mit drei Manualen und Pedal und 38 Register, die bis heute weitgehend im Originalzustand erhalten geblieben ist.
Mit großer Meisterschaft trug P. Brugger folgende fünf Orgelliteraturen vor: „Festive Tune“ in F-Dur/Fis-Dur von David German (*1954), „Evensong“ in E-Dur von Easthope Martin (1882-1925), „Prelude in Classic Style“ von Gordon Young (1908-1963), „Voluntary“ Nr. II (contemplation) in D-Dur von Denis Bedard (*1950) und „Was Gott tut das ist wohlgetan“ Choral und Variations von Felix Alexandre Guilmant op. 93 (1837-1911). Der Wohlklang dieses Instrumentes hat uns sehr beindruckt.

Am dritten Tag unserer Orgelreise begrüßte uns – nach dem Besuch des Gottesdienstes in St. Martin zu Memmingen – am Nachmittag im Kirchenschiff Sibylle Käser in Vertretung des Kirchenmusikdirektors und Organisten Hans-Eberhard Roß und erzählte uns, welche Stücke sie uns auf der viermanualigen Goll-Orgel vortragen würde: Von Johann Pachelbel (1653-1706) „Ciaconna in d-moll“ und von Maurice Ravel (1875-1937) eine Orgel-Transkription von Klaus Uwe Ludwig des berühmten „Bolero“. Die erstgenannte Literatur bildete vom ersten bis zum letzten Takt als Variationswerk eine stetige klangliche Steigerung, in deren Verlauf immer neue Register dazu kamen sowohl im Manual- als auch im Pedalbereich.
In Ravels „Bolero“ war dann auch eine langsame, jedoch stetige Steigerung zu hören, wobei die Orgelkünstlerin verschiedene Soloregister zu Gehör brachte (z.B. Trompette). Sibylle Käser erklärte unseren Orgelbegeisterten danach die einzelnen Werke: Hauptwerk I. Manual, Positiv II. Manual mit französischen Klangcharakter, z.B. „Montre 8“ (Prinzipal), Schwellwerk: III. Manual ebenfalls mit französischen Sound, z.B. „Flute harmonique (Flötenregister) IV. Manual: Trompetteria mit 3 Registern.

Unsere zweite Orgelstation am Sonntag war dann die ehemalige Praemonstratenser-kirche St. Verena in Rot an der Rot. Die große Orgel von Johann Nepomuk Holzhey wurde 1792/93 vollendet und gehört zu den bedeutsamsten historischen, klassizistischen Orgeln in Süddeutschland. Erläutert wurde uns dies in der herrlichen Kirche durch Franz Raml, Titularorganist und großer Orgel-Könner. Er präsentierte uns ein Orgelkonzert der Extraklasse mit den Werken: „Toccata I in d“ von Johann Jacob Froberger (1616-1667), „Partita sopra l’aria detta la Pasquina“ von Johann Speth (1664-ca.1719), „Kyrie“ von Francois Couperin (1668-1733),“ Nun komm, der Heiden Heiland“ von Johann Sebastian Bach (1685-1750), „Von Gott will ich nicht lassen“ von Johann Ludwig Krebs (1713-1780) und „Choeur de voix humaines“ und „Sortie“ von Louis-James Lefébury-Weli (1817-1869), eine musikalische Reise durch drei Jahrhunderte Orgelmusik.

Auch am dritten Tag unserer Reise hieß es „Aller guten Dinge sind drei“ und so waren wir in der Klosterkirche St. Georg in Ochsenhausen zu Gast, herzlich begrüßt von Viktor Schätzle. Viktor Schätzle erläuterte uns die 1728 ebenfalls von Joseph Gabler (siehe Weingarten) erbaute Orgel. Es handelt sich hierbei um das erste viermanualige Instrument in Süddeutschland.

Der junge, engagierte Musiker stellt folgende Werke vor: „Magnificat und Fuge in e-moll“ von Johann Pachelbel (1653-1706) und dessen „Toccata in e-moll“; von Johann Valentin Rathgeber (1682-1790) die „Pastorella“ in C-Dur (für die Weihnachtszeit) und von Justin Heinrich Knecht zwei Kompositionen und zwar: „Grazioso in B-Dur“ und „Un poco Adagio“ in Es-Dur (1752-1817).

Am vierten und letzten Tag unserer Orgelreise besuchten wir zunächst das Orgelensemble in Ottobeuren – östlich von Memmingen, wo unsere Gruppe von Frigga Frohling begrüßt wurde.
Die Basilika von Ottobeuren besitzt als Besonderheit eine weltweit einzigartige Orgel-Trias: Zwei barocke Chor-Orgeln des berühmten Orgelbauers Karl Joseph Riepp und die 1957 erbaute Marienorgel.
Karl Joseph Riepp vollendete 1766 die beiden Ottobeurer Chororgeln: die rechte, auf der Epistelseite stehende Dreifaltigkeitsorgel und die linke, auf der Evangelienseite stehende Heilig-Geist-Orgel. Äußerlich völlig identisch, bilden sie zusammen mit dem Kirchenraum ein in der Orgelbaugeschichte einzigartiges Ensemble. Beide Werke sind noch zu ca. 85 % original erhalten.

Auf der rückwärtigen Empore steht die Hauptorgel (Marienorgel), von der Firma Steinmeyer (Oettingen) 1952-1957 erbaut. Sie wurde in den Jahren 2000-2002 von der Firma Johannes Klais in Bonn restauriert und am 19. Oktober 2002 wieder eingeweiht.

Zunächst spielte Frigga Frohling auf der viermanualigen historischen Dreifaltigkeits-Orgel von Karl Joseph Riepp (erbaut 1766) das erste Präludium in C-Dur von Johann Sebastian Bach, sodann einen „Marsch“ in G-Dur von Georg Friedrich Händel aus dem Oratorium „Judas Maccabäus“, anschließend eine „Air“ in F-Dur aus G.F. Händels „Wassermusik“.
Auf der fünfmanualigen Hauptorgel, der Marienorgel, präsentierte uns Frigga Frohling eine Klang-Kostprobe mit dem „Thema und Variationen“ in G-Dur, auch von G. F. Händel. Frigga Frohling vertrat den ursprünglich vorgesehenen und ausgewiesenen Orgelkenner, Reinald Scheule, Ottobeurens langjährigen Kur- und Kulturamtsleiter, sehr angemessen (der leider den vereinbarten Termin vergessen hatte!)

Unsere Fahrt ging weiter und wieder in Richtung Heimat mit einem kleinen Umweg nach Giengen an der Brenz. In der dortigen evangelischen Stadtkirche besuchten wir die dreimanualige Orgel, erbaut im Jahre 1906 – wie auch die Orgel in unserer Christuskirche (opus 447) von den Gebrüdern Link. Freundlich begrüßt wurden wir von Christian Barthen, Konzertorganist und Kirchenmusiker und seit 2015 Kantor und Organist der Ev. Kirchengemeinde, daselbst. Zunächst erzählte C. Barthen über die Gebrüder Paul und Johannes Link, die 1851 die Orgelbaufirma Link gegründet hatten. Die Orgel opus 1 wurde im Jahre 1906 durch das Werk opus 450 ersetzt. Das Jugendstil-Instrument steht unter Denkmalschutz. Es ist bis heute weitgehend unverändert erhalten und ist die einzige große Orgel Süddeutschlands aus der Zeit der Spätromantik. Die Orgel hat einen orchestralen Klang und verfügt über eine Vielzahl verschiedener Flötenregister und Streicher (z. B. Gambe, Violone, Aeoline). Das Instrument hat 51 Register auf drei Manualwerken und Pedal. Sie ist sozusagen die „große Schwester“ unserer Christuskirchen-Orgel. Christian Barthen zeigte auch Verbindungen auf zur Holzhey-Orgel in Neresheim. Die Gestaltung des Orgelprospekts erinnert sehr an die Silhouette der Neres-heimer Abteikirche. C. Barthen spielte dann in sehr gekonnter Art auf „seiner“ Orgel folgende Literaturen:
1) „Italienisches Konzert“ von Johann Sebastian Bach (BWV 971) in einer Bearbeitung für Orgel von ihm selbst in drei Sätzen („ohne Bezeichnung“, „Andante“ und „Presto2
2) „Harmonies du Soir“ op.72 von Siegfried Karg-Elert
3) aus der „5. Symphonie“ von Charles Marie Widor die Sätze 4 und 5
Durch diese sehr geschickte Literaturauswahl (Barock, deutsche und französische Romantik) zeigte uns der Künstler C. Barthen die einmalige Klangvielfalt dieses in der Orgellandschaft herausragenden Instrumentes auf. Am Orgelspieltisch zeigte uns Christian Barthen Einzelelemente des einzigartigen Spieltisches des Link’schen „Vorzeigeinstruments“, z.B. „Automatische Pedalregister“. Dieser Original-Spieltisch wäre an sich schon eine Besichtigung wert, erzählte C. Barthen als leidenschaftlicher Orgel-Künstler.

Leider war es nicht möglich, die Giengener Orgelmanufaktur Gebr. Link GmbH zu besichtigen, was als Abschluss für unsere Reise gedacht war.

Nach all den Orgelerlebnissen an und mit den „Königinnen der Instrumente“ vor allen Dingen in klanglicher Hinsicht gebührt dem Vorbereitungsteam ein herzliches „Danke schön“ für die perfekte Ausarbeitung und vier kulturell prall gefüllte Orgeltage mit wiederum unvergesslichen Eindrücken und Momenten. Neben den „kleinen“ und „großen“ Königinnen hat uns auch die oberschwäbische Landschaft mit ihren vielen sehenswerten Kirchen, Klöstern und Abteien sehr beeindruckt und erfreut.

Eckhart Naumann


 

 

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Eislingen

Die Reisegruppe vor dem Hotel in Biberach (Fotos: I.S.)


Eislingen

Die Orgel der Klosterkirche zu Wald

Eislingen

im Münster Obermarchtal

Eislingen

An der Orgel der Kirche St. Simon und Judas zu Uttenweiler

Eislingen

St. Verena Bad Wurzach

Eislingen

Basilika Weingarten - Registerzüge aus Elfenbein

Eislingen

Die Heilig-Blut-Reliquie in der Basilika Weingarten

Eislingen

Spieltisch der Orgel im Münster zu Salem

Eislingen

Die Orgel von St. Martin in Memmingen

Eislingen

St. Verena in Rot an der Rot

Eislingen

Klosterkirche St. Georg in Ochsenhausen

Eislingen

Ottobeuren mit der fünfmanualigen Marien-Orgel

Eislingen

Stadtkirche Giengen an der Brenz

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